Am 27. Juni 2001 wurde Süleyman Taşköprü in seinem Geschäft in Hamburg-Altona erschossen. Er war das dritte Opfer der neonazistischen terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU), die zwischen 2000 und 2007 neun Menschen aus rassistischen Gründen und eine Polizistin ermordete, sowie 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle verübte. Die rassistischen Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zählen bundesweit zu den erschreckendsten Terroranschlägen in der jüngeren deutschen Geschichte.
Erst die Selbstenttarnung im Jahr 2011 und die von den Täter:innen versendeten Bekennervideos offenbarten die Verbindung der einzelnen Morde sowie den rechtsextremen Hintergrund der Mordserie. Während der jahrelangen Ermittlungen durch unterschiedliche Behörden schlossen diese einen rechtsextremen Hintergrund sowie einen Zusammenhang der Taten aus. Vielmehr wurden die Täter im Umfeld der Opfer gesucht, was die Angehörigen jahrelang stigmatisierte und diese enorm belastete. Dies betrifft auch die Angehörigen von Süleyman Taşköprü. Für die jahrelang unter falschem Verdacht geführten Ermittlungen bat die Hamburgische Bürgerschaft 2018 Familie Taşköprü um Entschuldigung.
Der NSU-Komplex ist in zahlreichen Parlamentarischen Untersuchungsausschüssen auf Bundes- und Landesebene untersucht worden. Dennoch stellen sich im Zusammenhang mit dem NSU-Komplex nach wie vor viele Fragen, insbesondere dazu, wie über einen so langen Zeitraum so viele Taten unentdeckt begangen werden konnten.
Im Jahr 2024 beauftragte die Hamburgische Bürgerschaft ein Forschungsteam mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung des NSU-Mordes und ihren Umständen in Hamburg. Im Rahmen dieser Studie sollen auf Grundlage aller vorhandenen Akten, Dokumente, Datenbestände und anderer Erkenntnisquellen die Geschehnisse und Ermittlungen rund um den Mord an Süleyman Taşköprü am 27. Juni 2001 möglichst interdisziplinär aufgearbeitet werden.
Zentral fragt die Studie, warum Institutionen und Gesellschaft bei der Aufklärung und Verfolgung des Hamburger NSU-Mordes versagten. Welche Ursachen lassen sich finden und welche Folgen hatte das nicht nur für die Angehörigen, sondern auch für die Öffentlichkeit, Gesellschaft und Institutionen?
Die Leitfragen zielen einerseits auf Einstellungen und Praktiken und andererseits auf die organisatorische Dynamik innerhalb von Polizei, Staats- und Verfassungsschutz sowie Justiz. Im Fokus der Untersuchung stehen dabei die Wechselwirkungen zwischen behördlichem Handeln und spezifischen stadtgesellschaftlichen Bedingungen in Hamburg zur Tatzeit. Das Spannungsfeld von Rassismus und systemischen Dynamiken werden in die Analyse eingeschlossen.
Weitere Studienansätze sind:
1. Wie kam es zum Ermittlungsansatz „Organisierte Kriminalität“? Weshalb wurden alternative Ermittlungsansätze nicht weiterverfolgt? Inwiefern handelten die Ermittler:innen voreingenommen?
2. Wie wurde der Einsatz von V-Leuten praktiziert und legitimiert und welche Probleme ergaben sich daraus für die Ermittlungen?
3. Wie gestaltete sich die Kommunikation zwischen den ermittelnden Behörden auch über die Grenzen Hamburgs hinaus? Welche Folgen ergaben sich aus dem gewählten Kooperationsformat für die Führung des Ermittlungsverfahrens in Hamburg?
4. Welche Rolle spielte die Hamburger Stadtgesellschaft für die Ermittlungen zum Mord an Süleyman Taşköprü? Hatte die kaum aufgearbeitete, in den 1980er/90er-Jahren erstarkte rechtsextreme Szene der sog. „Baseballschlägerjahre“ Einfluss darauf, wie Polizei und Öffentlichkeit die Tat deuteten? Und verstärkten Polizei und Öffentlichkeit sich dabei gegenseitig in der Unterschätzung rechtsextremer Gewalt?
5. Welche sozialen, psychischen und gesellschaftlichen Folgen hatten die Ermittlungen für die Hinterbliebenen von Süleyman Taşköprü?
6. Haben polizeiinterne, kritische Erörterungen des Ermittlungsansatzes oder seiner Ergebnislosigkeit stattgefunden? Gab es eine kritische Reflexion der Ermittlungsansätze aufgrund der fehlenden Ergebnisse? Was ergibt sich daraus für eine angemessene Erinnerungskultur?
Das Forschungsprojekt wird von einem parlamentarischen Beirat begleitet.
Weitere Informationen
- Pressemitteilung zur Vergabe des Projekts vom 20. November 2024
- Pressemitteilung zum Start des Projekts 14. Februar 2025
- Drucksache 22/11561 "Aufarbeitung des NSU-Komplexes im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie sowie dauerhafte Sicherung aller Unterlagen aus Hamburg"
- Drucksache 22/16857: „Vergabe des Auftrags zu einer wissenschaftlichen Studie: Aufarbeitung des NSU-Komplexes im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie“
- Drucksache 22/18070 „Bürgerschaftliches Ersuchen vom 13.April 2023: Aufarbeitung des NSU-Komplexes im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie sowie dauerhafte Sicherung aller Unterlagen aus Hamburg“ – Unterrichtung durch die Präsidentin der Bürgerschaft
- Schriftliche Große Anfrage 22/11825 „Offene Fragen im Zusammenhang mit dem Mord an Süleyman Taşköprü und dem NSU-Komplex in Hamburg“
- Schriftliche Große Anfrage 22/11841 „NSU-Komplex und rechte Netzwerke in Hamburg – Verbindungen von Hamburg zum NSU“
- Schriftliche Kleine Anfrage 23/184 „Wissenschaftliche Aufarbeitung des NSU in Hamburg