Grußwort der Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft Carola Veit zum Gedenken an die „Operation Gomorrha" vor 75 Jahren

Wider die Zerstörung der Menschlichkeit – Hamburg, Europa und die Welt 75 Jahre nach Gomorrha

Es gilt das gesprochene Wort!


Sehr geehrte Frau Pröpstin Murmann,
lieber Frank Engelbrecht, 
sehr geehrter Herr Einfeldt,


auch ich darf Sie, meine Damen und Herren, zu dieser gemeinsamen Veranstaltung begrüßen, die mir sehr am Herzen liegt. Und ich beginne mit einem Zitat:

„Es war der Geruch von verbranntem Fleisch, den konnte ich niemals vergessen.“
 
Dies ist einer dieser Sätze von Zeitzeugen, die das Grauen jener Bombennächte im Sommer 1943 wenigstens erahnen lassen.


In vielen Hamburger Familien bildete das „Ausgebombt-werden“ das zentrale, schlimme Ereignis, das einen Großteil ihres Lebens bestimmte.


Eine große Zahl der rund 34.000 Opfer des Feuersturms wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Massengräbern verscharrt.  
Es waren KZ-Häftlinge, die nach den Leichen suchen mussten. Sie mussten auch die Massengräber schaufeln.
Die SS-Aufseher hielten sich abseits, der Geruch war ihnen zu unangenehm.


Operation Gomorrha, der Name für die Bombenangriffe auf Hamburg, nimmt Bezug auf eine Bibelstelle im 1. Buch Mose und sollte wie ein himmlisches Strafgericht wirken, denn es heißt da:
„Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha.“ 

Die Bomben zerstörten große Teile unserer Stadt. 


Besonders betroffen waren Rothenburgsort, Hammerbrook, Borgfelde und Hamm, auch Eilbek und Barmbek. 


Neben den vielen Toten waren mehr als 120.000 Menschen zum Teil schwer verletzt. 
Nahezu die Hälfte der Hamburger Wohnungen war völlig zerstört oder unbewohnbar; wer mit dem Leben davonkam, war häufig obdachlos.


Meine Damen und Herren,
Gomorrha und ähnliche verheerende Bombenangriffe auf andere Großstädte im damaligen Deutschen Reich markierten zwar das sich allmählich nähernde Ende der Nazi-Diktatur, aber deren Folgen waren beileibe nicht mit der Befreiung im  Mai 1945 beendet.

 

Während große Teile der Bevölkerung versuchte, in Hunger und Kälte in den ersten Nachkriegsjahren weiter zu leben, waren andere durchaus wieder fleißig damit beschäftigt, alte Strukturen zu beleben und neue Seilschaften aufzubauen. 


Spürbar war dies bis weit in die neu entstandene Bundesrepublik Deutschland hinein, und es wirkt bis in unsere Tage nach.  


Das Trügerische am Gedenken ist, das viele die Dinge für lange erledigt halten.


Der ehemalige Hamburger Polizeipräsident und Historiker Wolfgang Kopitzsch war einer, der die tausendfachen Morde der Hamburger Polizeibataillone im Osten aufgedeckt hatte.


Er spricht von einer bruchlosen Übernahme fast aller Polizisten und Kriminalbeamten in den Staatsdienst der jungen Bundesrepublik. 
Nur wenige Mitglieder aus dem Polizeibataillon standen und zwar erst Mitte der 1960er-Jahre vor Gericht. Ganze fünf wurden verurteilt. Fünf!


Ähnlich reibungslos wurden Richter, Staatsanwälte sowie Uni-Professoren und Lehrer übernommen.


Somit wurden bis weit in die 1960er- und 1970er-Jahre hinein auch Hamburger Kinder von Lehrkräften unterrichtet, die – trotz anders lautender Lehrpläne – im Stile des Deutschen Reiches agierten. Nicht selten endete damals der Geschichtsunterricht in der Weimarer Republik. 


Der Grund liegt nahe: die Schüler hätten sicherlich nachgefragt: Was haben Sie denn unter den Nazis gemacht?    


Diese Frage wurde aber auch in vielen Familien entweder nicht gestellt oder nicht beantwortet. Lass mal, das ist doch vorbei, war die gängige Variante, weiteres Nachbohren zu verhindern. 


Eine ganze Generation wollte nicht reden, sondern betäubte sich mit dem Wirtschaftswunder. 


Die Lehre aus diesen Fehlern der Vergangenheit ist, sensibel und vorbeugend zu reagieren, das heißt reden, meinetwegen auch streiten. 


Das ist heutzutage umso wichtiger, weil die Gräueltaten der Nazi-Diktatur immer häufiger nicht nur verschwiegen, sondern klein geredet und beschönigt werden.


Dazu gehört übrigens auch der Versuch, Ursache und Wirkung der alliierten Bombenangriffe zu vertauschen.


Und: In unserem Land haben Rassismus und Fremdenfeindlichkeit leider spürbar zugenommen und werden offen auf die Straße getragen, meine Damen und Herren. 


Demokraten hierzulande, aber auch das Ausland reagieren zu Recht erschrocken auf Ereignisse, wie zuletzt in Chemnitz. 


Nach einer schweren Straftat wollen Rechtsextremisten und Neo-Nazis Trauer und Empörung in generellen Hass gegen Migranten verwandeln. 


Dabei feiern sich die Gruppierungen vor den Augen der Polizei mit Hitlergruß, und sie bedrohen Bürger und Journalisten. 


Im Schutz sogenannter besorgter Bürger fordern sie unverhohlen die Abschaffung der Demokratie. 


Und zusammen mit gewählten Politikern, arbeiten diese Gruppierungen an einem neuen Feindbild, „das Fremde“, das angeblich unser Land bedroht. 


So gibt es in der öffentlichen Debatte plötzlich Raum für Rassismus und Antisemitismus. Da werden Alternativen genannt, die keine sind. 


Dass gesellschaftliche Sanktionierung solcher Sprüche in manchen Teilen der Republik nicht mehr funktioniert, muss uns hellhörig werden lassen.


Auch deshalb sind wir hier. Unter dem Motto: „Wider die Zerstörung der Menschlichkeit“.


Weil zum Gedenken eben auch ein wachsamer Blick auf die Gegenwart und Zukunft gehört!


Die Bilder von Mittwochnachmittag, als 10.000 Hamburgerinnen und Hamburger friedlich für Freiheit und Toleranz demonstrierten, sind genau das richtige Signal gewesen. Aber das kann nur ein Anfang sein.


Erich Kästner, verbotener Autor unter den Nationalsozialisten, schrieb einmal:


„Die Erinnerung ist eine mysteriöse Macht und bildet den Menschen um. 
Wer das, was schön war, vergisst, wird böse. 
Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.“


Als Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft bedanke ich mich im Namen unseres Landesparlaments bei der Patriotischen Gesellschaft von 1765 und der Hauptkirche St. Katharinen für diese gemeinsame Veranstaltung.


Vielen Dank.

Datum: Freitag, 7. September 2018, 18 Uhr
Ort: Hauptkirche St. Katharinen