Ansprache der Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft Carola Veit zum Gedenken an Kriegsende und Befreiung der Konzentrationslager

Es gilt das gesprochene Wort!


Sehr geehrte Überlebende des KZ Neuengamme,

sehr geehrte Angehörige,

cher Monsieur Gaussot et les membres de l’Amicale Internationale KZ Neuengamme,

lieber Herr Dr. Garbe,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

Mesdames et Messieurs,

Ladies and Gentlemen,

 

Ihr Lied, sehr verehrte Herren Richter, hat mich sehr bewegt – genauso wie das Lied von den „Moorsoldaten“, das wir während der Kranzniederlegung hörten.

 

Auch hier in Neuengamme gab es vor mehr als 70 Jahren „Moorsoldaten“. Wobei wir hier natürlich eher von „Tonsoldaten“ sprechen müssen. Denn es war Ton, den die Gefangenen mit ihren Spaten stechen mussten, um daraus Ziegel zu brennen. Wer diese quälend anstrengende Arbeit machen musste, überlebte im Schnitt nur 100 Tage.


Dem Komponisten des Liedes von den Moorsoldaten, Rudi Goguel, der später in Neuengamme inhaftiert war, gelang das Unmögliche. Er überlebte erst das Lager Börgermoor, dann Neuengamme und schließlich auch das Bombeninferno in der Lübecker Bucht. Er gehörte damit zu einer Minderheit. Denn in Neuengamme und bei den folgenden Todesmärschen starben mehr als 40.000 Menschen. Der 3. Mai kam für sie zu spät.

Das bringt mich zum Lied über den 8. Mai, an dem wir bundesweit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der Befreiung der Konzentrationslager und aller Opfer von Krieg und Verfolgung in der NS-Zeit gedenken. Dieser Tag entspricht dem 3. Mai in Hamburg. Der zentrale Satz des Refrains lautet: „Bringt’s den Kindern bei, was das heißt, der achte Mai!“

 

Meine Damen und Herren, das ist leichter gesagt als erfüllt.

Der 8. Mai 1945, das war in Deutschland das Weltkriegsende  – soweit sind sich wohl alle einig. Auch noch, dass es der Tag des Siegs der Alliierten über die deutschen Streitkräfte war.

 

Aber war das zugleich ein Sieg über Deutschland? Stand Deutschland, standen „die Deutschen“ doch hinter der von Hitler in den Krieg getriebenen Armee? War dieser 8. Mai also ein Tag der Niederlage nicht nur für ein verbrecherisches System, sondern für ganz Deutschland?

„Nein“, haben schon immer Einige gesagt, „nein, so war es nicht.“ Dieser Tag sei nicht der Tag der Niederlage, sondern vielmehr der Tag der Befreiung gewesen. Das kann man ganz gewiss uneingeschränkt unterschreiben, wenn man dabei an die Häftlinge in den Konzentrationslagern denkt.

Auch die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter dürfen diesen Tag mit Fug und Recht so nennen, und die, die sich erfolgreich vor den Nazis und ihren Schergen verborgen hatten und nun wieder ungefährdet aus Kellern und Verstecken kommen konnten.


40 Jahre nach diesem einen 8. Mai hat der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner vielleicht berühmtesten Rede gesagt, der 8. Mai sei für die Deutschen kein Grund zum Feiern, wohl aber ein Tag der Befreiung von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

 

Für damalige Verhältnisse hatte sich von Weizsäcker damit, 1985, weit nach vorn gewagt, als er sagte, nein, nicht Tag der Niederlage, sondern Tag der Befreiung. Diese klug gewählte Formulierung enthielt die Botschaft,  es sei kein Trauertag, sondern doch zugleich der Neubeginn und der erste Schritt zu einem besseren Deutschland.


Den Kindern beizubringen, was der 8. Mai heißt, beinhaltet also auch: zu erzählen und zu erklären, dass es für dieses Datum mitnichten nur die eine Deutung gab, sondern dass die Geschehnisse im Laufe der Zeit rückblickend gedeutet und bewertet wurden und dass sich das eben im Laufe der letzten 73 Jahre kontinuierlich verändert hat. Das ist bis heute so gewesen und das wird auch in der Zukunft so sein. Denn jede Generation stellt ihre eigenen Fragen an die Geschichte und zieht ihre eigenen Schlüsse und Lehren daraus.

 

Verehrte Gäste,

ich stehe hier für eine der Kindergenerationen, von der im Lied die Rede war. Denn selbst 1985 war ich gerade einmal zwölf Jahre alt und habe natürlich von der damaligen, erstmals öffentlich geführten Kontroverse nichts mitbekommen.

 

So hat 1985 der damalige Bundespräsident die Sichtachse verschoben. Mit dem Begriff „Befreiung“ bot er zugleich denen, die die Zeit von 1933 bis 1945 aktiv miterlebt hatten, die Möglichkeit, weiterhin zu sagen, für alles von Deutschland ausgegangene Unrecht, für Krieg, Massenmord, Unterdrückung seien eben „die Nazis“ verantwortlich gewesen. Und von denen seien „die guten Deutschen“ dann am 8. Mai befreit worden.

Heute ist offensichtlich, dass eine solche Darstellung der deutschen Geschichte auch nur zum Teil gerecht wird, und ich habe diese Zweifel umso mehr, als rechtsradikaler Terror beständig zunimmt und hetzende,  diskriminierende und offen faschistische Äußerungen zum Beispiel in den sogenannten sozialen Medien ständig und überall präsent sind.

 

Meine Damen und Herren,

auch in diesem Jahr sind wieder Überlebende des KZ Neuengamme angereist, um an dieser Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Seien Sie willkommen und kommen Sie noch möglichst oft wieder!

Dass uns heute die traurige Nachricht vom Tod von Herrn Wim Alosery erreicht hat, macht uns alle traurig. Denn er hat – so wie viele weitere von Ihnen – eine Lebensaufgabe darin gesehen, über sein Leid in der NS-Zeit zu berichten: gegen das Vergessen – für die Erinnerung!

Wohl niemand, der ihren Schilderungen zuhört, kann davon unberührt bleiben. Ich bin sehr dankbar dafür, dass die Opfer von damals heute den Kindern aus dem Volk der Täter vermitteln, was deren Eltern und Großeltern nur zu oft verschwiegen haben.

Mein Dank geht an die Amicale Internationale KZ Neuengamme, die damit einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur in Hamburg leistet genauso wie die KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

 

Meine Damen und Herren,

Dr. Garbe hat schon darauf hingewiesen: Die Jahres- und Gedenktage folgen einander im Augenblick in kurzen Abständen. Das Kriegsende und die Befreiung der überlebenden Häftlinge, die Luftangriffe der sogenannten Aktion Gomorrha, bei der zigtausende Zivilisten starben und Hamburg in Schutt und Asche fiel, die tragische Bombardierung der Cap Arcona, der sinnlose Kindermord vom Bullenhuser Damm, dem im April so eindrücklich gedacht wurde.

 

Wir, die Hamburgische Bürgerschaft, treten entschieden dafür ein, jeden einzelnen dieser Gedenktage so würdig und so öffentlich wie möglich zu begehen. Aber die Menschen müssen wissen, was wir da tun und den Kindern müssen wir erklären, was es bedeutet.

 

Wir unterstützen deshalb auch Initiativen anderer zu diesen Themen. Im Rathaus greifen wir jedes Jahr mit Ausstellungen und szenischen Lesungen zum Holocaust-Gedenktag besonders erinnerungswürdige Aspekte auf.

Das ist gut, das ist richtig, und das werden wir auch weiterhin tun.

Das Andenken an die Ereignisse wach zu halten, das ist die eine Seite. Aber Wiederholungen verhindern kann man auf Dauer nur, wenn man die Grundlagen, die Ursachen erforscht und das Übel an den Wurzeln bekämpft. Das ist eine Aufgabe, die uns noch lange obliegt!

Unser Grundgesetz beschreibt dies in zwei überaus klaren, treffenden Sätzen ganz zu Anfang im ersten Artikel. Da heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Und weiter: „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

 

Meine Damen und Herren,

dem ist nichts hinzuzufügen. Halten wir uns alle daran, auf dass die Welt ein Stück friedlicher und gerechter werde.

 

Ich danke Ihnen.

Merci beaucoup.

Thank you very much.


Datum: 3. Mai 2018 um 17 Uhr
Ort: KZ-Gedenkstätte Neuengamme