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Szenische Lesungen: Gegen das Vergessen, für das Erinnern

Illustration von einer szenischen Lesung im Rathaus. Mehrere Personen stehen auf einer Bühne.
© Marco Scuto

Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee, also russische Soldaten, die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, in dem die Nationalsozialisten Menschen ermordeten und sie zu körperlich ausbeutender Arbeit zwangen. Seit 2005 ist dieser Tag, der 27. Januar, Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Schriftliche Dokumente wie Tagebücher und Zeitungsartikel oder Protokolle aus der Zeit des Nationalsozialismus und Erzählungen der Überlebenden und Hinterbliebenen berichten von den unvorstellbaren Verbrechen der Nationalsozialisten. Sie geben einen Einblick in den Alltag zur Zeit des Holocaust, auch Shoa genannt, also der Verbrechen der Nazis an Jüdinnen und Juden und anderen Menschen, die sie verfolgten, wie zum Beispiel Rom:nja und Sint:izze, homosexuelle und arbeitslose Menschen.

Jedes Jahr weckt Theaterkünstler Michael Batz (die) Erinnerungen: In den szenischen Lesungen der Hamburgischen Bürgerschaft schildern Schauspieler:innen die Geschichten von Opfern, Täter:innen und ihren Nachkommen. Sie erzählen von Menschen, die während der Herrschaft der Nationalsozialisten verfolgt, deportiert, ermordet wurden. In den Dokumentarstücken werden historische Quellen zum Leben erweckt, vergessene Geschichte erzählt und besondere Blickwinkel auf die Verbrechen der Nationalsozialisten eröffnet.

Was sind die szenischen Lesungen zum Holocaustgedenktag?

Die szenischen Lesungen sind Dokumentarstücke von Künstler und Theatermacher Michael Batz. Sie widmen sich jedes Jahr einem neuen Thema. Die Sprecher:innen lesen aus Dokumenten und Zeitzeugenberichten vor – umrahmt von Musik bietet die besondere Form der szenischen Lesung gleichzeitig einen künstlerisch-emotionalen Zugang zum Gehörten.

Wer kommt zu den szenischen Lesungen?

An einem Vormittag rund um den 27. Januar gibt es mehrere Schulvorführungen für Schüler:innen ab der achten Klasse. Außerdem findet eine Abendveranstaltung für Gäste der Bürgerschaft statt.

Wie kann ich meine Klasse zur szenischen Lesung anmelden?

Jedes Jahr im Dezember verschickt die Bürgerschaft Einladungen an alle weiterführenden Schulen. Lehrkräfte können ihre Klassen und Kurse zur Veranstaltung anmelden. Die nächsten szenischen Lesungen für Schulklassen finden am 27. Januar 2025 statt.

Szenische Lesungen in der Bürgerschaft zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Themen und Material zu den szenischen Lesungen

Für die Opfer des Nationalsozialismus waren Verfolgung und Gewalterfahrungen häufig der Teil ihrer Lebensgeschichte, über den sie mit ihren Kindern und Enkelkindern nicht sprechen konnten. In vielen Familien von NS-Verfolgten wurde darüber geschwiegen. Dennoch spielen in zahlreichen Biografien Nachgeborener das Leid und die Traumata ihrer Vorfahren eine große Rolle. So wurde die Verarbeitung des Unaussprechlichen zur Lebensaufgabe der Nachfahr:innen.

Das Dokumentarstück „Meine Eltern haben mir immer nur das Positive erzählt – Biografien von Opfern nationalsozialistischer Verfolgung und wie ihre Kinder sie erleben“ beschäftigt sich mit Biografien von NS-Opfern und der Weitergabe ihrer traumatischen Erfahrungen an ihre Nachfahr:innen.

Wie es ist, herauszufinden, dass der eigene Vater nationalsozialistische Verbrechen begangen hat, erzählt das Dokumentarstück „Die Gesichter meines Vaters“. Auf Grundlage des Gesprächsseminars „Ein Täter in der Familie?“ der KZ-Gedenkstätte Neuengamme hat Michael Batz vier authentische Berichte zusammengestellt.

Das Stück zeigt beispielhaft, wie das „Schweigen der Väter“ zu einer weitverbreiteten Erfahrung von Kindern und Jugendlichen wurde, deren Väter im Nationalsozialismus zu Tätern geworden waren. Häufig zeigte sich erst nach dem Tod der Väter durch Archivmaterial und Berichte die Verbindung und Zugehörigkeit zu NS-Organisationen, Einsatzgruppen oder Lagerbesatzungen in Konzentrationslagern.

Für weiterführende Schulen steht Unterrichtsmaterial auf www.hamburgwaehlt.de kostenlos zur Verfügung.

In den Jahren 2021 und 2022 konnten die szenischen Lesungen aufgrund der Corona-Pandemie nicht wie üblich vor Publikum im Rathaus stattfinden. 2022 verfolgten Schüler:innen das Theaterstück zum Thema „Schwarze Winkel“ stattdessen per Livestream. Weiterführende Schulen konnten zudem einen Film und begleitendes Unterrichtsmaterial zum Stück für den Geschichtsunterricht nutzen. Der Film sowie das Unterrichtsmaterial stehen auf www.hamburgwaehlt.de kostenlos zur Verfügung.

Das Theaterstück „Schwarze Winkel“ erzählt von aus damaliger Sicht gesellschaftlich unangepassten und in Armut lebenden Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Im Film „Schwarze Winkel“ beginnen die Dokumente, Akten und Zeitungsartikel zu sprechen. Sie erinnern an Unterdrückung, Gewalt und Tod und weisen bis in unsere Gegenwart. 

2021 hat die Bürgerschaft gemeinsam mit Theaterkünstler Michael Batz einen Film gedreht, der Hamburger Stolpersteine und die Schicksale der Menschen dahinter vorstellt. Drei eindrucksvolle Episoden erzählen Geschichten von Zivilcourage und menschlichem Leid. Unterrichtsmaterial zum Thema Stolpersteine können Lehrkräfte auf www.hamburgwaehlt.de kostenlos herunterladen.

Stolpersteine und ihr Gesicht

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