Sehr geehrter Doyen,
sehr geehrte Frau Senatorin,
sehr geehrter Herr Müller,
sehr geehrter Herr Beckmann,
sehr geehrte Frau Bischöfin Fehrs,
meine sehr geehrten Damen und Herren.
Am Volkstrauertag gedenken wir traditionell der Opfer beider Weltkriege – und aller Menschen, die weltweit bei Kriegen, Krisen und Konflikten ihr Leben verlieren. Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind heute bei all diesen Opfern und bei ihren Angehörigen.
Wir hier in Deutschland haben das seltene Glück, dass unser Land 80 Jahre lang von Kriegen verschont geblieben ist.
Fast überall in der Welt, auch in Europa, hat es seither immer wieder Kriege und damit verbundene Kriegsopfer gegeben.
Ich erinnere beispielhaft an das frühere Jugoslawien, an Korea und Vietnam, an Israel und Palästina, an Irak, Afghanistan, an die Kolonialkriege der Europäer, an Syrien und natürlich an die russischen Überfalle in Europa.
Von einer Welt in Frieden sind wir Lichtjahre entfernt. Und immer, bei jedem dieser Kriege, sterben Soldaten unfreiwillig im Kampf und werden Zivilbevölkerungen zu hilflosen Opfern. Da geht es um unermessliches Leid.
Täglich sterben heute Meschen in der Ukraine. Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern, Väter und Mütter, Kleinkinder und Senioren. Genauso in Gaza, im Sudan und anderen Krisenregionen der Welt.
Was Krieg mit Menschen macht, wenn keiner zurückkommt – darüber hat unser heutiger Ehrengast Reinhold Beckmann ein Buch geschrieben.
Es ist die Lebensgeschichte seiner Mutter Aenne, die im 2. Weltkrieg ihre 4 Brüder verloren hat.
Lieber Herr Beckmann,
es hat Sie selbst überrascht, dass Ihr Buch so große Resonanz erfahren hat. Vielen Menschen finden ihre eigene Familiengeschichte in der Ihrer Mutter wieder.
Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, verehrte Gäste.
In den meisten Familien ist nicht gesprochen worden. Es wurde vermeintlich nach vorne geschaut. Geschwiegen wurde darüber, was die Angehörigen, die Freunde oder gar: was man selbst erlebt oder verbrochen hatte.
Ihre Mutter konnte über all das sprechen, lieber Herr Beckmann. Und Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Geschichten weiterzuerzählen.
Angefangen hat alles mit Ihrem Auftritt vor vier Jahren im Bundestag. Da haben Sie Ihren Song „Vier Brüder“ aufgeführt, der den schmerzlichen Verlust Ihrer Mutter beschreibt, und den wir auch heute hier im Michel nach Ihrer Gedenkrede hören.
In einer Zeile heißt es:
„Vier Träume, nie gelebt. Geopfert für ein Mörderland.“
Da schwingen Wut und Trauer mit – und eben auch, dass es Deutsche waren, die den 2. Weltkrieg aus Menschenhass verursacht haben, mit mehr als 60 Millionen Toten.
Das dürfen wir niemals vergessen.
Sie, lieber Herr Beckmann, haben diesen Zwiespalt zwischen Trauer und Scham einmal so zusammengefasst:
„Das Leid der deutschen Soldaten und Angehörigen war immer ein schwieriges Thema, weil immer auch die Schuldfrage mitschwingt. Aber das macht ja nun den Schmerz nicht kleiner.“
Damit führen Sie uns zum Nachdenken über den Wert des Friedens.
Und wie wichtig es ist, den Alten zuzuhören, die uns noch von dem Schrecken und dem Elend und den Schmerzen berichten können.
Oder das Stadtbild rund um den Bahnhof, geprägt von Versehrten und Suchenden. Viele von ihnen verstört, entwurzelt und hilflos. Wie ebenso viele heute auch in unserer Mitte, die aus Krisenregionen kommen.
Die meisten Erzählungen sind geprägt von einem Wunsch: Nie wieder Krieg.
Meine Damen und Herren,
nun gibt es Menschen, die ganz pragmatisch fragen: Was geht uns das an? Und, wenn die Opfer oder Bedrohten zu uns nach Deutschland flüchten und Schutz suchen: Was wollen die hier bei uns?
Verehrte Gäste,
Mitgefühl ist nicht teilbar.
Die unantastbare Würde des Menschen, die unser Grundgesetz allem anderen voranstellt, ist oberstes Gebot und der unverrückbare Maßstab, an dem sich unser Staatswesen messen lassen muss.
Von Hannah Arendt stammt der Satz:
„Der Tod der menschlichen Empathie ist eines der frühsten und deutlichsten Zeichen dafür, dass eine Kultur gerade in die Barbarei verfällt.“
Meine Damen und Herren,
wenn Hilfe für Notleidende nicht mehr daran gemessen wird, wie man ihr Leid mindern und ihnen ein freies, selbstbestimmtes Leben ermöglichen kann, sondern an den Kosten für eine Unterbringung, dann ist das eine gefährliche Entwicklung. Wir müssen uns dem entgegenstellen, sonst ist absehbar, das mit der internationalen Solidarität auch unsere eigene Gesellschaft aus den Fugen gerät.
Wir sind bisher die Glücklichen – aber auch unser aller Glück hängt davon ab, dass auch alle anderen Menschen ihre Chancen wahren und in Frieden und Freiheit leben können!
Und das gilt übrigens auch für die große Frage, die in unserem Land so umstritten ist, ob denn in den letzten Jahrzehnten alles richtig gemacht wurde in der Ostpolitik.
Ja, ganz vielleicht hätte ein Verzicht auf die Osterweiterung der Nato und der EU einen Angriff des irren Kriegstreibers aus dem Kreml etwas unwahrscheinlicher machen können. War sie deswegen falsch? Natürlich nicht! Genauso wahrscheinlich ist nämlich, dass der Angriff trotzdem erfolgt wäre und wir keine starke europäische Gemeinschaft hätten. Die Ostpolitik gepaart mit Abrüstung und deutschen Friedensbemühungen war nicht falsch.
Denn all das hat auch sehr, sehr viel zu tun mit unserem heutigen Wohlstand und unseren Möglichkeiten, gemeinsam in Europa und für die Welt für Demokratie zu streiten.
Verehrte Gäste,
wir dürfen nicht verkennen, dass auch für uns die Bedrohungen in großer Geschwindigkeit zunehmen.
Es werden Grenzen getestet und Partner infrage gestellt. Drohnen über der EU, Schattenflotten im Ostseeraum, Wahlmanipulation und Cyberangriffe auf staatliche Organe.
Themen wie Wehrpflicht, Aufrüstung und Abschreckung bestimmen politische Debatten. Da fehlt oft das Wort Frieden.
80 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs haben 80 Prozent der jungen Menschen in Deutschland Angst vor einem Krieg, in dem sie kämpfen und womöglich sterben müssen.
Meine Damen und Herren,
kein Zweifel: Es gibt ernsthafte Bedrohungen. Und Herausforderungen.
Aber das darf nie die Begründung dafür sein, unsere so bewährte freiheitliche, demokratische und eben auch auf Empathie gegründete Grundordnung in Frage zu stellen.
Was wollen wir denn schützen und verteidigen, wenn wir die Grundfesten unserer Gesellschaft selbst einreißen?
Meine Damen und Herren,
Und deswegen muss es uns wachrütteln: wenn rechte Kräfte historische Tatsachen verdrehen und demokratische Werte infrage stellen. Wenn politisch motivierte Gewalt zunimmt – auch bei uns in Hamburg.
Wenn sich Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht mehr sicher fühlen. Wenn sich migrantisierte Menschen in Deutschland nicht mehr sicher fühlen.
Das können und das dürfen wir nicht hinnehmen!
Erinnern bedeutet – auch 80 Jahre nach Kriegsende – aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.
Über die Verbrechen der Nazis aufklären und an die Opfer zu erinnern – damit sich diese Gräueltaten nie wiederholen!
Das ist keine leichte Aufgabe. Vielen scheint die Zeit des Nationalsozialismus zu weit weg. Andere haben zur NS-Herrschaft gar keine biografischen Bezüge, wohl aber eigene Kriegs- und Fluchterfahrungen.
Letztlich geht es immer um die Fragen: Was hat das alles mit mir zu tun? Wie finden wir eine gemeinsame Sprache für Gewalterfahrungen, die durch Worte nicht zu erfassen sind?
Künstlerische Ansätze helfen oft, einen emotionalen Zugang zur Geschichte zu bekommen.
Comics beispielsweise haben großes Potenzial, Geschichte zu vermitteln, Menschen zu berühren und ein breites Publikum anzusprechen.
An dieser Stelle gilt mein Dank dem Volksbund, dem auch in diesem Jahr wieder ein besonderer Jugendbeitrag gelungen ist:
Gemeinsam mit Partnerorganisationen aus Frankreich und Belgien wurde ein Comic-Wettbewerb zum Thema „Schicksale von Menschen und Tieren im Krieg“ ausgelobt.
Alle 3 Erstplatzierten sind Schülerinnen aus Hamburg. Die 18-jährige Gwen Melzer hat mit ihrem Comic „Gaston“ über ein Maultier und einen Blindenhund im 1. Weltkrieg den 2. Platz gewonnen. Auch sie wird zu uns sprechen.
Verehrte Gäste,
Wir haben in Hamburg 80 Jahre nach Ende der NS-Herrschaft eine lebendige Erinnerungskultur und einen intensiven Austausch all der vielen Aktiven, das spüren wir in diesem Gedenkjahr besonders.
Mein besonderer Dank gilt allen, die sich ehrenamtlich engagieren – fürs Gedenken, für unsere Demokratie und für unsere Stadtgesellschaft.
Die Gräuel der Nazizeit müssen uns ewig Mahnung bleiben, wozu Menschen fähig sind, wenn die Menschlichkeit fehlt.
In diesem Sinne: Lassen Sie uns alle kritisch, wachsam und menschlich bleiben.