Zur Startseite

Rede am Mahnmal St. Nikolai zum Volkstrauertag 2025

Sehr geehrte Frau Senatorin,
sehr geehrter Herr Romey,
meine sehr geehrten Damen und Herren, 

wir versammeln uns hier an der Ruine von St. Nikolai, um der Millionen von Opfern von Kriegen und staatlich gesteuertem Terror zu gedenken. In Hamburg gibt es eine ganze Reihe von Gedenkorten, was übrigens allein schon deutlich macht, wie allgegenwärtig Tod und Terror in unserer Heimatstadt waren, aber die weithin sichtbare Ruine von St. Nikolai, mitten in der Stadt und nur 150 Meter vom Rathaus entfernt, ist schon etwas Besonderes. Dieses Mahnmal, diesen weit über die umgebende Bebauung ragenden ausgebrannten Kirchturm kann niemand übersehen.

Meine Damen und Herren,
am Volkstrauertag gedenken wir der Toten, die hier bei uns, aber auch überall auf der Welt, Opfer von Krieg, Terror und Gewalt geworden sind. Neben Soldaten und Bombenopfern, Verhungerten und Erfrorenen sind dies bei uns in Deutschland vor allem Menschen, die der damalige deutsche Unrechtsstaat auf dem Gewissen hat: Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, Romn:ja und Sinti:zze, sexuell anders Denkende, aber vor allem Jüdinnen und Juden.

Meine Damen und Herren,
Der Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen Philipp Peyman hat zum Gedenktag am 9. November in der ZEIT beschrieben, was es bedeutet, in der heutigen Zeit ein Jude in Deutschland zu sein: „Noch nie seit 1945 waren Juden hierzulande so starken Anfeindungen ausgesetzt wie jetzt. (…) Viele von uns stellen sich jetzt die alte Frage aus den 1930er-Jahren: bleiben oder gehen?“ Das ist zutiefst beschämend für unser Land, 80 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs, meine Damen und Herren!

Nach dem Krieg, als man Terror, Zerstörung und Verfolgung noch direkt vor Augen hatte, formulierte der Parlamentarische Rat unser ganz wunderbares Grundgesetz. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, das steht allem voran. Das gilt für jede und für jeden, egal welcher Hautfarbe, Herkunft, Glaubens oder sexueller Orientierung. Es mahnt uns, Unterschiede zu überwinden und nicht Trennendes aufzubauschen und aufzubauen. Wer das nicht begreift, wer mit Hass und Hetze Gräben aufreißt, der schadet unserem Land und versucht, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu untergraben.

Bundespräsident Steinmeier hat unlängst sehr klare Worte für den Angriff rechtsextremer Kräfte auf unsere Demokratie gefunden und auch gesagt: „Einfach abzuwarten, dass der Sturm vorbeizieht und solange in sichere Deckung zu gehen, das reicht nach meiner Überzeugung nicht.“

Meine Damen und Herren,
Gerade im gefühlten Dauer-Krisenmodus ist es verlockend, für komplexe Probleme vermeintlich einfache Lösungen zu liefern. Die anderen verantwortlich zu machen. Die Grenzen des Sagbaren werden immer weiter verschoben. Influencer verbreiten Verschwörungstheorien oder betreiben eine gefährliche Täter-Opfer-Umkehr. Das Erinnern ist unter Druck. Vermeintlich gezogene Lehren benötigen einer Erneuerung, um sie für alle Generationen greifbar zu machen und sie im gesellschaftlichen Gedächtnis tief einzuspeichern.

Stefan Romey wird gleich von Feindbildern berichten, die Nazis sich ausdachten, um ihre Zerstörungswut zu rechtfertigen. Wer sich sozial „abweichend verhielt“ oder homosexuell war, der wurde ausgegrenzt und verfolgt. Der politische Feind wäre, so Hitler 1933 „in unserem Lande restlos auszurotten und zu beseitigen“, sogar Bibelforscher wurden gekennzeichnet und verfolgt. Auch Berufsverbrecher waren Feinde. Gegen die „Bastardisierung“ und „Degeneration“ einer Rasse wollte man vorgehen, indem man Emigranten und Juden verfolgte und ermordete. Horden von „Untermenschen“, wie beispielsweise „unzivilisierte Slawen und Asiaten“ wollte man im Krieg bekämpfen.

Heute wissen wir: Antisemitismus ist nicht mit dem Nazi-Terror vor 80 Jahren verschwunden. Antisemitismus war immer da. Aber seit dem 7. Oktober 2023, seit dem größten Massenmord an Jüdinnen und Juden nach dem Holocaust, hat der Hass auf Jüdinnen und Juden weltweit massiv zugenommen. Das spüren wir auch bei uns in Hamburg.

Es darf nicht sein, dass sich Jüdinnen und Juden in Hamburg aus Angst vor Übergriffen und Gewalt heute wieder verstecken müssen. Deswegen unterstützt die Hamburgische Bürgerschaft den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge im Grindelviertel. Weil jüdisches Leben in die Mitte unserer Stadtgesellschaft gehört! In der Erinnerungsarbeit ist uns genau das wichtig: nach vorne zu schauen. Die Zukunft gestalten, weil wir aus der Vergangenheit gelernt haben.

Jüngere Menschen für diese Themen zu erreichen, ist nicht einfach. Zu lange her scheint die Zeit des Nationalsozialismus, zu überzeugend die vermeintlichen Fakten aus den „sozialen“ Netzwerken. Oft fehlen eigene biografische Bezüge zur NS-Zeit oder es stehen eigene Kriegs- und Fluchterfahrungen im Fokus. Umso wichtiger ist es, neue Formate zu entwickeln, die jüngere Menschen ansprechen – weil sie etwas mit deren Lebenswirklichkeit zu tun haben. Damit möchte ich Ihnen die Tanzperformance von Roberta Bojang ankündigen, die wir hier gleich mitten im Mahnmal St. Nikolai erleben werden.

Liebe Frau Bojang,
Sie waren UN-Jugendbotschafterin und haben ein künstlerisches Projekt zur Förderung von Friedensbildung und Abrüstung entwickelt. Es heißt „The journey of the broken and the hopeful“, „Die Reise der Zerbrochenen und der Hoffenden“. Für diese Choreographie haben Sie sich das Mahnmal bewusst ausgesucht, weil – wie Sie sagen – dieser historisch bedeutsame Ort den Umgang einer Täternation wie Deutschland mit den eigenen „Opfern“ thematisiert. Das Video Ihrer Performance ist um die Welt gegangen und war in diesem Jahr auf der Expo in Japan zu sehen. Vielen Dank, dass Sie gemeinsam mit Mina Entezary, Linda Wang, Magdalena Okpe und Misty Suave hier gleich live tanzen werden.

Tanzen?, mag sich der ein oder die andere unter Ihnen vielleicht wundern. Tanzen am Volkstrauertag? Ja. Kreative Ansätze sind in der Erinnerungsarbeit ausdrücklich erwünscht! Die Künstlerinnen und Künstler verarbeiten ihre persönlichen Erfahrungen mit Krieg und können uns emotional berühren – und damit auch viel in uns allen bewegen. 

Esther Bejarano sprach immer wieder davon, wie die Musik ihr zeitlebens Kraft gab, weiterzumachen. An junge Menschen gerichtet hat Esther Bejerano gesagt: „Ihr tragt keine Schuld für das was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn es euch nicht interessiert.“ Denn nur, wer wirklich verstanden hat, was Krieg und Terror anrichten, der kann aus tiefem Herzen sagen: Nie wieder! 

Vielen Dank!