Es gilt das gesprochene Wort!
Liebe Familie,
sehr geehrter Pastor Davis,
sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher,
sehr geehrter Staatssekretär Nils Annen,
sehr geehrter Herr Röder, liebe Ute Pape,
liebe Genossinnen und Genossen,
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von einer besonderen Frau.
Die Heilige Elisabeth, der diese Kirche ihren Namen verdankt, war das, was man heute – leider oft abwertend – als einen Gutmenschen bezeichnet:
Radikale Nächstenliebe und ein unbeirrbarer Einsatz bestimmten ihr Leben.
Und wer Elisabeth Kiausch und ihr jahrzehntelanges Wirken für unsere Stadt betrachtet, der könnte zu dem Schluss kommen, dass es da durchaus Parallelen gibt.
Elisabeth Kiausch war keine Frau, die auf der Jagd nach spektakulären Effekten ihre Arbeit im Blick auf Schlagzeilen aufgebaut hat.
Um Ziele zu erreichen, die sie für richtig erachtete, wählte sie oft eher den Weg der steinigen Ebene.
Menschen, die sie viel länger kannten als ich, sprechen von Elisabeth Kiausch stets mit großem Respekt - für eine Frau, die auch sehr schwierige Probleme ohne viel Aufhebens, zielorientiert und geradeaus abgearbeitet hat.
Das war, wenn man so will, Ihr Markenzeichen. Dazu kam Beständigkeit:
Auf Elisabeth Kiausch konnte man sich immer und ohne Einschränkungen verlassen.
Vielleicht, nein, eigentlich: ganz bestimmt hat diese Geradlinigkeit einen Ursprung in ihrem persönlichen Leben gehabt.
Sie wurde 1933 geboren, erlebte in ihrer Kindheit sowohl den Aufstieg der NS-Diktatur als auch den schrecklichen Fall eines Landes.
Das zerbombte Hamburg, das aus heutiger Sicht schwer vorstellbare Leid wird sie nie vergessen haben.
Dann ihre erste Ausbildung:
Von 1949 bis 1952 erlernte sie den Beruf der Schriftsetzerin, das war damals ein Männerberuf.
Schriftsetzer reihen beharrlich Matrizen in Winkelhaken zu Zeilen aneinander,
bilden daraus im Satzschiff die Textblöcke, die dann zu Kolumnen zusammengefügt werden.
Aus Buchstaben werden Wörter, aus Wörtern Sätze, dann Absätze. Ein Schritt folgt auf den anderen, und erst am Ende entsteht daraus das gesamte Werk.
So ähnlich, Schritt für Schritt hat Elisabeth später auch Politik gemacht. Bei ihr musste alles Hand und Fuß haben, und am Ende gab der Erfolg ihr fast immer recht.
Vielleicht hat das auch mit ihrer großen Liebe zu Pferden, und zum Trabrennsport zu tun.
Ein Traber muss beharrlich sein, das war sie ganz sicher.
Ein Traber, der zu galoppieren beginnt, wird disqualifiziert – in die Gefahr geriet sie niemals. Sie wusste sehr genau:
Ein Rennen wird nicht auf den ersten Metern gewonnen, aber dort sehr oft verloren.
Elisabeths großes Ansehen und ihre vielen Erfolge, die sie für unsere Heimatstadt errungen hat, zeigen sehr deutlich, dass sie dies wusste und verinnerlicht hat.
Elisabeth Kiausch hat sich früh entschieden, selbst gestalten zu wollen.
Sie trat außer in die Gewerkschaft mit 18 Jahren in die SPD ein, wurde Bezirksabgeordnete und 1970 in die Bürgerschaft gewählt. Damals waren noch nicht einmal zehn Prozent der Abgeordneten Frauen!
Schon ein Jahr später wurde sie Mitglied im Haushaltsausschuss – damals auch eine reine Männerdomäne.
Und 1978 übernahm sie als erste Frau überhaupt die Geschäftsführung der SPD-Fraktion.
1987 wählte die Hamburgische Bürgerschaft sie erstmals zu ihrer Präsidentin.
Damit war sie nicht nur die erste Frau an der Spitze unseres Parlaments, sondern zugleich die erste Präsidentin eines deutschen Landesparlaments überhaupt.
Man kann es sich heute kaum noch vorstellen – aber es hat 128 Jahre gedauert, bis endlich eine Frau diese Position übernehmen konnte. Sie war auch hier eine Vorreiterin.
Diese erste Präsidentschaft dauerte allerdings nur drei Monate – dann wechselte Elisabeth Kiausch in den Senat und wurde – wiederum als erste Frau überhaupt – Hamburgs Finanzsenatorin.
Meine Vorgängerin Präsidentin a.D. Dr. Dorothee Stapelfeldt sagte über sie, dass Sie ein sehr disziplinierter Mensch war, über analytische Fähigkeiten verfügte und nach einer Abwägung der Argumente zu einem sicheren Urteil kam.
Ein Beispiel dafür ist die Hamburger Speicherstadt.
Damals schien es eine gute Idee, die Speicherstadt zu verkaufen – das hätte den Haushalt kurzfristig entlastet und konsolidiert.
Elisabeth Kiausch war vehement dagegen, weil sie die Folgen bedachte.
Die kleinen und mittelständischen Unternehmen in den Speichern würden erwartbar höhere Mieten oder gar Umzüge nicht verkraften, argumentierte sie, und somit würde ein blühender Wirtschaftszweig schwer geschädigt.
Die Folge wären neue wirtschaftliche und soziale Probleme. Sie setzte sich durch – die Speicherstadt wurde nicht verkauft und gehört heute zum Weltkulturerbe.
Auch das verdankt unsere Stadt der beharrlichen Arbeit dieser außergewöhnlichen Frau.
1991 bis zur Neuwahl 1993 wählte die Bürgerschaft Elisabeth Kiausch noch einmal zu ihrer Präsidentin. In diese Zeit fällt die Einführung der jährlichen Veranstaltung „Jugend im Parlament“, die wir erfolgreich bis heute durchführen.
Schon damals setzte sie sich auch für ein Haus der Bürgerschaft ein, das wir jetzt endlich umgesetzt haben.
Eine weitere Herzensangelegenheit war der Ausbau der Beziehungen zu unserer Partnerstadt St. Petersburg.
Es war ihr ein persönliches Anliegen, den Hunger der Menschen unserer Partnerstadt St. Petersburg im harten Winter 1991/1992 zu lindern; sie warb für Spenden und übernahm persönliche eine Patenschaft.
Elisabeth Kiausch ist für uns alle ein Vorbild, das man nicht hoch genug einschätzen kann. Sie hat Stil und Umgang miteinander positiv beeinflusst.
„Miteinander reden, vor allem aber zuhören und ernsthaft diskutieren“ forderte sie, und das gilt ohne wenn und aber bis heute.
Liebe Elisabeth, Du warst die Erste in vielerlei Hinsicht.
Aber ich glaube, wichtiger als das ist noch etwas anderes: Du hast dafür gesorgt, dass viele nach dir nicht mehr die Ersten sein müssen.
2004, als ich selbst zum ersten Mal in die Bürgerschaft gewählt wurde, schied Elisabeth Kiausch nach 34 Jahren erfolgreicher Tätigkeit für unsere Stadt aus der „offiziellen“ Politik aus.
Trotzdem blieb sie immer da.
Als Deputierte der Finanzbehörde, und selbstverständlich auch bei den Haushaltsberatungen. Immer in der mittleren Bürgerschafts-Loge, war sie bei uns im Plenarsaal.
Ich sehe sie in jeder Landesvorstands-Sitzung, wo sie sich noch viele Jahre einbrachte.
Sie blieb für viele eine geschätzte Beraterin.
Ich habe viel von ihr gelernt, sie ist und bleibt ein großes Vorbild, für das ich sehr dankbar bin.
Dankbar sollten wir alle sein – für geradliniges und erfolgreiches Engagement und für eine besonnene Form von Politik,
die in hektischen Zeiten manchmal auf der Strecke bleibt.
Vernunft und ein langer, sehr langer Atem – das ist es, was wir alle im Gedächtnis behalten, wenn wir an Elisabeth Kiausch denken.
Und dafür bin ich, sollten wir alle Elisabeth dankbar sein.
Sie wird uns fehlen.